Praxistest Grafikrechner

Casio fx-9860 G II

Eignung

Die NRW-Anforderungen werden erfüllt, und der fx-9860 G II ist nach vergleichsweise kurzer Einarbeitungszeit vielfach intuitiv bedienbar. Im Rechenmodus verhält er sich so, wie man es von aktuellen WTR (speziell den Casio-Modellen) gewöhnt ist. Auch die Anwendung als Funktionenplotter mit ergänzenden Berechnungen und Darstellungen gelingt weitgehend intuitiv und erfordert keine lange Einarbeitungszeit.

Fazit: Der fx-9860 G II setzt speziell im Hinblick auf die intuitive Bedienbarkeit hohe Maßstäbe und gehört darum zu den derzeit geeignetsten GTR für den schulischen Einsatz.

Hardware

Abmessungen: 92 x 186 mm
Display: 74 x 40 mm (128 x 64 px)
Gewicht: 270 g (mit Batterien)
Stromversorgung: 4x AAA (Akkus möglich)
Besonderheiten: Beleuchtung; SD-Kartenslot (optional)

Der fx-9860 G II liegt gut in der Hand und macht den Eindruck anständiger Verarbeitung. Der Tastendruck ist weicher als bei der Konkurrenz, aber durchaus angenehm. Die nominelle Auflösung des Displays ist nicht besonders hoch, die Darstellung aber gut und angenehm ablesbar. Die Zeichendarstellung ist vergleichsweise groß, was im Hinblick auf Ablesefehler im Unterrichts­geschehen vermutlich von Vorteil ist. Welchen Zweck die Hintergrundbeleuchtung hat, erschließt sich mir nicht, denn üblicherweise benutzt man einen Taschenrechner nicht im Dunkeln. Das Display ist auch ohne dieses Feature ausgesprochen gut ablesbar. Praktisch, aber mit zusätzlichen Kosten verbunden, ist der SD-Kartenslot der SD-Modelle, durch den ein Datenaustausch mit dem PC auch ohne Kabel und spezieller Software möglich ist. Mit einer 8 GB SDHC Karte ließen sich zusätzliche Applikationen auf dem GTR problemlos installieren - und zwar ohne spezielle Software und unabhängig vom verwendeten Betriebssystem.

Zubehör

Der Casio fx-9860 G II wird mit einer 18-seitigen deutschen "Schnellstartanleitung" geliefert, einem Rechner-Rechner- und einem Rechner-PC-Kabel sowie einer CD-ROM. Sie enthält ein mehr als 400 Seiten starkes PDF-Handbuch, die Windows-Software FA-124 für die Verbindung zum GTR und einige weitere Beigaben. Kostenlos gibt es von Casio lediglich einen Emulator des fx-9860 G, dem Vorgängermodell. Der Emulator zum fx-9860 G II wird unter der Bezeichnung FX-MANAGER PLUS zu Preisen von 80-100 Euro im Handel angeboten. Dafür erhält man eine altbacken wirkende Software, deren Benutzerführung komplett in Englisch gehalten ist.

Außer dem Emulator bietet der FX-MANAGER PLUS die Möglichkeit, das Display des GTR, sofern über Kabel angeschlossen, in Echtzeit in einem separaten Fenster anzuzeigen, und zwar auch in vergrößerter Form. Das ist praktisch, um z.B. via Computer und Beamer die Bedienung zu demonstrieren. Praktisch wäre es auch, wenn man vom gezeigten Display schnell einen Screenshot anfertigen könnte, um etwa mit Hilfe einzelner Displaydarstellungen ein Arbeitsblatt zu erstellen. Aber: Das Programm bietet diese Möglichkeit nicht! Das Erstellen eine Screenshots ist nur für das Display des Emulators möglich, nicht für das des realen GTR. Da die Bedienung des Emulators aber erheblich mühseliger ist als die des echten GTR, ist es ärgerlich, dass man in solchen Fällen entweder den Emulator benutzen muss oder aber über eine zusätzliche Software zur Anfertigung von Screenshots Aufnahmen von den übertragenen Displayinhalten macht.
Alternativ kann man dazu die kostenlose Übetragungssoftware FA-124 nutzen, die wirkt allerdings noch altbackener und funktioniert nicht immer zuverlässig. Ich konnte jeweils immer nur einen Screenshot erstellen, danach wurde eine fehlende Verbindung zum GTR bemängelt und weitere Aufnahmen waren nicht möglich. Außerdem bietet diese Software nicht die Möglichkeit, den Screenshot vergrößert darzustellen, was Darstellungen in Briefmarkengröße zur Folge hat.

Bedienkonzept

Der fx-9860 G II verhält sich im Rechenmodus wie ein wissenschaftlicher Taschenrechner. Die Eingabe von Brüchen ist in der gewohnten Weise möglich, das Umschalten zwischen Bruch- und Dezimalbruch­darstellung geschieht direkt mittels Taste [F↔D]. Auch komplexere Terme lassen sich durch das Prinzip von Eingabemasken problemlos eingeben und werden in "natürlicher Darstellung" angezeigt (siehe Abbildung). Innerhalb von Wurzeln und Potenzen scheint es allerdings nicht möglich zu sein, gemischte Zahlen an Stelle von unechten Brüchen zu verwenden - die Taste, die normalerweise die Eingabemaske erzeugt, bleibt dann ohne Wirkung.
Update: Mit der Firmware 2.04 (seit März 2014 verfügbar) wurde dieses Defizit behoben.

Komfortabel und intuitiv ist ebenfalls die Möglichkeit, mittels Cursor-Tasten zu vorherigen Eingaben zurück zu gehen und diese zu editieren. Geht man weiter als eine Eingabe zurück, ist allerdings Vorsicht geboten, weil alle nachfolgend durchgeführten Rechnungen, deren Ergebnis vom Resultat der zu ändernden Zeile abhängen, automatisch neu berechnet werden. Unerwünschte Seiteneffekte sind das Ergebnis dieses eigenwilligen Verhaltens. Abhilfe schafft hier der Weg über die "Zwischenablage" mittels [CLIP] und [PASTE], bei dem dieser Effekt nicht auftritt.

Ein wesentlicher Beitrag zum guten Bedienkonzept ist die zentrale [MENU]-Taste, mit der man jederzeit zu einem definierten Ausgangspunkt gelangt und von dort aus in den jeweils gewünschten Bereich navigiert. Überwiegend gut gelungen ist auch die deutsche Benutzerführung, wobei die Abkürzungen und Menüpunkt weiterhin englischsprachig sind. Hier wäre eine konsequentere Umsetzung wünschenswert, der fx-CG 20 wurde in dieser Hinsicht bereits verbessert.

Details

Beispiel 1: Die Abbildung zeigt den Graphen zum Term mit einge­zeichneter Tangente an der Stelle x=-1,5 und schattierter Ordinatenfläche im Intervall [-4,8; 2,5]. Sowohl die Schattierung und Berechnung des Integrals als auch das Einzeichnen der Tangente funktionieren intuitiv über [G-Solv][∫dx] bzw. [Sketch][Tang]. Die benötigten Stellen können entweder mit den Cursor-Tasten durch Abfahren des Graphen ausgewählt oder auch direkt eingegeben werden. Nach Drücken der [EXE]-Taste erscheint das gewünschte Resultat.
Wirklich unerfreulich ist hingegen die Darstellung des Funktionsterms am oberen Rand des Displays. Keine Spur mehr von "natürlicher Darstellung", sondern die alte, hässliche a⌟b-Notation. Dazu noch der unnötig eingeklammerte Exponent und die große Schrift, mit der Folge, dass nicht einmal der gesamte Term ins Anzeigefenster passt. Hier sollte dringend nachgebessert werden!

Beispiel 2: Die Berechnung des Integrals gelingt intuitiv über [MATH][∫dx]. Es öffnet sich eine eindeutige Ein­gabemaske, die zu befüllen ist. Auch die Betragsfunktion findet man schnell über [MATH][Abs], und nach Drücken von [EXE] und einigen Sekunden Wartezeit erhält man einen ziemlich genauen Näherungswert. Der Versuch, diesen in einen Bruch umzuwandeln - der exakte Wert des Integrals ist 23 ⅔ -, scheitert allerdings: Die [F↔D]-Taste zeigt keinerlei Wirkung. Offenbar ist der approximierte Wert trotz der mit 23 ⅔ übereinstimmenden Dezimaldarstellung zu ungenau.
Die Voreinstellung für die Fehlertoleranz beträgt laut Handbuch 10-5 und diese lässt sich nicht grundsätzlich ändern. Möglich ist es allerdings, bei einer konkreten Berechnung die Toleranz mit anzugeben - allerdings nicht im MathIO-Modus, der die natürliche Darstellung mitbringt! Das gleiche Dilemma wie beim TI-84 Plus, was leider beim neueren Casio fx-CG 20 weiterhin besteht. Der Umstieg auf den unschönen LineIO-Modus ist für den Unterrichtseinsatz aber indiskutabel. Und im übrigen stellt sich selbst bei einer Toleranz von 10-12 das gewünschte Resultat 23 ⅔ nicht ein.

Beispiel 3: Ein echtes Highlight ist der Gleichungslöser. Dieser umfasst neben einem allgemeinen "Solver", den so ziemlich jeder GTR mitbringt, und der normalerweise so umständlich zu bedienen ist, dass man ihn ungern einsetzt, einen separaten Löser für LGS und einen für Polynomgleichungen. Beide haben eine gelungene Benutzer­führung und sind intuitiv einsetzbar. Sobald ein LGS aber nicht eindeutig lösbar ist, versagt der LGS-Löser und liefert eine Fehlermeldung, und zwar unabhängig davon, ob es keine oder mehr als eine Lösung gibt (siehe Abbildung).

Vermeiden lässt sich dies durch den Weg über Matrizen, der allerdings beim fx-9860 G II ein steiniger ist. Im Rechenmodus wird über [▸MAT] zunächst eine 3x4-Matrix namens A angelegt und befüllt - das ist der einfache Teil. Nun kehrt man mit [EXIT][EXIT] in den Rechenmodus zurück und drückt [OPTN][MAT][▹][Rref][SHIFT][Mat][ALPHA][A][EXE]. Intuitiv geht anders! Erfreulich ist zumindest die Darstellung, denn die ist "natürlich", wie die Abbildung zeigt.